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In Bielefeld traf sich im November 1993 auf Initiative des Vereins der Psychiatrieerfahrenen (VPE) eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des VPE und Professionellen der für Bielefeld zuständigen Psychiatrischen Klinik. In der Arbeitsgruppe wurden Möglichkeiten verbindlicher Vereinbarungen zwischen ehemaligen PatientInnen und KlinikmitarbeiterInnen erarbeitet mit der Zielsetzung, in Zukunft Zwangsmaßnahmen und für PatientInnen und MitarbeiterInnen belastende Erfahrungen bei erneuten Aufnahmen in die Psychiatrische Klinik zu vermeiden.

Diese Behandlungsvereinbarung wurde von einer trialogisch besetzten Arbeitsgruppe in Gütersloh, in der sich Psychiatrieerfahrene und Angehörige aus dem Pflichtversorgungsgebiet der Klinik, nämlich dem Kreis Lippe, dem Kreis Herford und dem Kreis Gütersloh engagierten, gemeinsam mit Profis aus der Klinik überarbeitet und den aktuellen Gegebenheiten angepaßt.

Entscheidend für das Zustandekommen einer Vereinbarung ist die Bereitschaft aller Beteiligten – der Psychiatrieerfahrenen, der Angehörigen  und der Klinikleitung - auch heikle Fragen, wie die der Zwangsmaßnahmen, Freiheitsbeschränkung und unfreiwilliger Medikation miteinander so zu erörtern und Vereinbarungen verbindlich so zu protokollieren, daß alle Seiten zustimmen können.

Für die Klinikleitung bedeutete dies, sich festzulegen, verbindliche Zusagen zu machen für zu erwartende schwierige Situationen, Zwangsmaßnahmen oder Zwangsmedikation nur nach einem mühsam vereinbarten Verfahren durchzuführen, Patienten mit ihren individuellen Wünschen ernst zu nehmen und diese Vereinbarungen in der Aufnahmesituation wie gewünscht und vereinbart einzuhalten und dennoch bereit zu sein, den aktuellen Willen des Patienten in der Aufnahme-Situation zu überprüfen und gegebenenfalls zu entscheiden, ob in der konkreten Situation dem aktuellen Willen oder der Vorabverfügung zu folgen sei. Die Bereitschaft der Klinikleitung und verantwortlicher MitarbeiterInnen aller Berufsgruppen, verbindliche, schriftlich fixierte Absprachen zu treffen, schaffte das erforderliche Vertrauen in die getroffenen Vereinbarungen.

Gleiches galt für die Psychiatrieerfahrenen. Auch sie mußten sich bereit finden, sich auf mögliche schwierige Konstellationen bei erneuter Klinikeinweisung einzustellen, um realistische und realisierbare Zusagen in den Vereinbarungen zu geben.

Das Hinzuziehen von Vertrauenspersonen, denen ggfs. jederzeit und rund um die Uhr Zugang zum Patienten zugesagt wurde, war für alle Beteiligten eine Garantie für Transparenz und Kontrollierbarkeit in der Einhaltung des Vereinbarten.

Viele weitere Fragen, wie die der Einbeziehung von Angehörigen, Freunden und Nachbarn,
der Vermieter und anderer, die bei früheren Einweisungen beteiligt waren, der Regelung finanzieller Fragen, der Versorgung von Kindern oder Haustieren, konnten in der Behandlungsvereinbarung geregelt werden.


Die Beweggründe, die Psychiatrieerfahrene und Professionelle dazu führen, sich für die Einführung von Behandlungsvereinbarungen zu engagieren und damit zu arbeiten sind vielfältig:

Psychiatrieerfahrene und Angehörige wollen bei zukünftigen Behandlungen ihre individuellen Erfahrungen, Wünsche und Möglichkeiten berücksichtigt wissen. Viele von ihnen haben mit Zwangsmaßnahmen und Gewalt in der Klinik Erfahrungen, wurden gegen ihren Willen behandelt und fühlten sich der Willkür der Professionellen ausgeliefert - vor allem in der Aufnahmesituation und in den ersten Tagen der Behandlung.

Psychiatrieerfahrene und Angehörige möchten Einfluß nehmen auf die Aufnahme- und Behandlungsbedingungen bei einem zukünftigen Klinikaufenthalt, mitentscheiden über Therapieziele und Behandlungsmethoden, sich absichern für den Fall einer erneuten Erkrankung.

Professionelle wollen Zwangsmaßnahmen und Gewalt im Klinikalltag so weit wie möglich reduzieren. Gewälttätigkeiten von Patienten auf psychiatrischen Stationen treten vor allem in der Aufnahmesituation und in den ersten Tagen der Behandlung auf. Erfahrungsgemäß sind es bei vielen Patienten recht spezifische Situationen, die gewalttätiges Verhalten auslösen: eine verzerrte Realitätswahrnehmung, eine veränderte Erlebnisverarbeitung oder Deutung von Mimik und Gestik. Angst und Verunsicherung können dabei eine Rolle spielen. Unsicherheit und Überforderung auf Seiten der Professionellen kommen hinzu. Im Vereinbarungsgespräch, das in den meisten Kliniken zum Abschluß jeder Behandlungsvereinbarung gehört, werden diese Situationen genau besprochen, ein angemessener Umgang miteinander überlegt und schriftlich festgehalten.

Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle wollen den partnerschaftlichen Umgang miteinander konkret machen und dabei respektvoll miteinander umgehen.

Professionelle sehen in der BV eine Möglichkeit, die Behandlung zu effektivieren, indem Erfahrungen aus früheren Klinikaufenthalten und dem bisherigen Krankheitsverlauf festgehalten und durch die Einbeziehung des Patienten in die Behandlungsplanung eine höhere compliance erreicht werden kann. Untersuchungen im Bereich der somatischen Medizin belegen, daß sich die Möglichkeit, Einfluß auf den Behandlungsverlauf zu nehmen, und die gemeinsame Entscheidungsfindung positiv auf den Behandlungserfolg auswirken.

Die therapeutischen Implikationen der BV sind für Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle ein wichtiges Motiv bei der Einführung der BV: Die Vereinbarungsgespräche führen oft zu einem Abbau von Ängsten der Psychiatrieerfahrenen gegenüber der Psychiatrie. Sie fördern die Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung und der eigenen Lebenssituation. Psychiatrieerfahrene gewinnen dabei mehr Sicherheit und Selbstbewußtsein im Umgang mit zukünftigen Krisen. Der Abschluß einer BV fördert die Eigenverantwortung des Psychiatrieerfahrenen und mobilisiert sein Selbsthilfepotential. Die eigenen Ressourcen werden aktiviert, indem positive Bewältigungsstrategien einbezogen werden.

Die Einführung der BV entspricht dem personenzentrierten Ansatz, der die individuellen Wünsche und Möglichkeiten des Patienten in den Mittelpunkt der Behandlungsplanung stellt.

Professionelle, Psychiatrieerfahrene und Angehörige versprechen sich durch die BV einen günstigen Einfluß auf das Behandlungsergebnis, da dies eng verknüpft ist mit der Qualität der therapeutischen Beziehung, die wiederum durch den Prozess der Verhandlung positiv beeinflußt wird.

Diese Behandlungsvereinbarung ist hier erhältlich.

Behandlungsvereinbarung

 
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